Faust

(der Tragödie erster Teil)

 

Hörspielaufnahme

Die Theatergruppe www.theateraufcd.de hat in einem einmaligen, gigantischen Aufwand dieses Stück als Hörerlebnis-Theater im Herbst 2002 einstudiert und aufgenommen. Da diese Produktion in Finsing bei Erding bei München entstanden ist, wird dieser Faust auch "Finsinger Faust" genannt: Kleiner Ort, großes Theater.

Mit den neuen, technischen Möglichkeiten (Internet, MP3-Player, Harddiskrecording) konnten wir es schaffen, höchste Ansprüche für eine große Zahl von Interessierten zu schaffen. Insbesondere Schülern wird über das Internet die Möglichkeit geboten, sich mit geringem Kostenaufwand in kurzer Zeit einen Überblick über das Stück zu verschaffen: In nur kurzer Zeit kann sich der literaturinteressierte Internetbenutzer das Stück kostenlos auf den MP3-Player (oftmals nicht größer als eine Zündholzschachtel) downloaden.

Es entspricht dem Selbstverständnis von www.theateraufcd.de, die verschiedenen Stücke einer großen Zahl von Benutzern  zur Verfügung zu stellen.

Wir hoffen damit, zur kulturellen Vielfalt des deutschsprachigen Raumes und darüber hinaus beitragen zu können, wünschen ihnen viel Spaß beim Hörerlebnis und sind selbstverständlich auch neugierig auf ihre Reaktion.

Hier das gesamte Stück im MP3-Format.

 

Rollenbesetzung: 

Faust

Thomas Chust

Mephisto

Markus Kühne

Gretchen

Tina Rost

Marthe Schwerthlein

Gertrud Eichinger

Lieschen

Monika Sturm

Valentin

Fabian von Klitzing

Engel Raphael

Monika Sturm

Engel Gabriel

Susanne Hopf

Engel Michael

Gertrud Eichinger

Böser Geist

Markus Kühne

Theaterdirektor

Adam Fehler

Dichter

Andrea Eicher

Lustige Person

Beate Welsch

Herr

Jürgen Kleine

Chor

Kirchenchor Markt Schwaben St. Margaret

Musik

Fabian Wondrak, Stefan Kurz

Gesang

Sigrid Waag

Regie, Tontechnik, Produktion

Martin Schlederer


 

Entstehung des Werkes

Entstehung des Werkes nach dem  dtv-Literaturlexikon


Der Urfaust entstand 1772 - 75.
Faust, ein Fragment 1788 - 1806
Erste Gesamtausgabe 1834, Tübingen
Uraufführung 24.5.1819 in Berlin, Schloss Monbijou

Das Volksbuch Johann Fausten fällt dem jungen Goethe in die Hände. Die tragische Geschichte vom Dr. Faustus lernt er als Puppenspiel  von englischen Wanderbühnen kennen. Im Januar 1772 war Goethe vermutlich Zeuge einer Hinrichtung einer Kindesmörderin, die angeblich vom Teufel beeinflusst gewesen sein soll. Unmittelbar danach entstanden die Szenen "Trüber Tag", "Feld" und "Kerker". Auf einer Italienreise entstanden die Szenen "Hexenküche", sowie "Wald und Feld".
 

Entstehung des Werkes nach Kindlers Literaturlexikon:

Der gesamte Faust entstand im mehr als 6 Jahrzehnten. Einflüsse aus den Gerichtsakten der am 14.1.1772 hingerichteten Kindsmörderin Susanne Brandt werden angenommen. 1790 veröffentlichte Goethe unter dem Titel "Faust, ein Fragment", die erste Bearbeitung des Urfaustes. Unter Schillers Einfluss gewann das Motiv der Wette immer mehr Gestalt. Der gesamte erste Teil entstand zwischen 1797 und 1806. Der III. Akt (Helena) des zweiten Teiles entstand parallel zum ersten Teil der Tragödie. Erst 1831 vollendete Goethe den zweiten Teil, mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Beginn. Noch vor seinem letzten Geburtstag versiegelte er das abgeschlossene Drama.
 
   


Inhalt und Stilmittel

Handlung (des ungekürzten Stückes)

Zueignung
Widmung des Werkes

Vorspiel auf dem Theater
Das Theater als Spielort wird im Kräftedreieck Künstler, lustige Person und Direktor beleuchtet.
 

Prolog im Himmel
Mephisto schließt mit Gott die Wette ab, dass er es schaffen wird, die Seele von Faust zu bekommen.

Nacht
Faust sinniert über den Sinn der Welt und über seine dürftigen Möglichkeiten diese zu erkennen und zu begreifen. Er verzweifelt und ist fast so weit, sich selbst das Leben zu nehmen. Sein Glauben, der durch den Klang der Osterglocken aufgeweckt wird, hält ihn dann doch davon ab. Mit Famulus Wagner diskutiert er Möglichkeiten und Begrenzung des Menschen.

Vor dem Tor
Faust geht mit Famulus Wagner auf einen belebten Platz. Das Volk feiert den Ostersonntag. Faust philosophiert über den Urgrund der Welt mit Famulus Wagner.

Studierzimmer I
Der Pudel in Faustens Arbeitszimmer verwandelt sich in Mephisto und begegnet Faust zum ersten Mal. Faust und Mephisto schließen die Wette: Sollte Faust je erklären, dass sein Streben nach Höherem sinnlos sei, indem er sagt: "Augenblick verweile noch", dann hätte Mephisto die Wette gewonnen. In diesem Fall würde Faust Mephisto gerne seine Seele überlassen.

Studierzimmer II
Faust und Mephisto bereiten sich darauf vor, unter die Leute und damit in die Wirtschaft "Auerbachs Keller" in Leipzig zu gehen. Zwischendrin tritt ein Schüler auf, der von Mephisto bezüglich seiner bevorstehenden Berufswahl beraten wird. Mephisto führt ihm als verkleideter Faust die Begrenztheit der Disziplinen Medizin, Jura, Theologie und der Naturwissenschaften vor. Der Schüler verlässt verwirrt das Labor von Faust.

Auerbachs Keller in Leipzig
Mephisto will Faust aus seiner Studierstube ins "Leben" führen. In Auerbachs Keller führt er einige das Volk verblüffende Tricks vor. Angewidert von der Volksseele soll Faust erst einer Verjüngungskur bei einer Hexe unterzogen werden.

Hexenküche
Mephisto führt Faust zu einer "alten Bekannten". Faust erblickt das Idealbild der Schönheit: Helena. Zum ersten Mal wendet er sich der Welt und dem Streben in der Welt (nämlich nach Helena) zu. Für Faust beginnt eine Zeit der Leidenschaft. Bis zur Walpurgisnacht steigert sich sein Drang, seine Wollust.

Straße I
Es wird konkret: Faust trifft Gretchen auf der Straße und verliebt sich in sie. Er bietet ihr seinen Schutz an. Sie lehnt ab. Faust braucht Mephisto, um durch List an Gretchen ranzukommen.

Abend, ein kleines reinliches Zimmer
Faust schleicht mit Mephistos Hilfe in das Kämmerchen von Gretchen und versteckt dort ein Schmuckstück.

Spaziergang
Mephisto beklagt, dass Gretchen den Schmuck einem Pfarrer gegeben hat. Serie erste List scheitert.

Der Nachbarin Haus
Mephisto überbringt der Nachbarin die Todesnachricht ihres Ehemannes, was nur ein vorgegebener Vorwand ist, um sich Einlass zu verschaffen. Marthe Schwerdtlein (Die Nachbarin) schwankt zwischen Trauer und Freude über den Tod ihres Mannes. Stellt sich nach Mephistos Erzählungen jedoch erst später heraus, dass sie nichts erbt.

Garten
Marthe und Mephisto und Gretchen und Faust gehen im Garten spazieren. Marthe will sich mit Mephisto einlassen, als Teufel erkennt sie ihn aber nicht. Faust erobert erfolgreich die Gunst des jungen, unerfahrenen Gretchens.

Ein Gartenhäuschen
Faust und Gretchen küssen sich, werden jedoch von Marthe und Mephisto unterbrochen.

Wald und Höhle
Faust hadert mit seinem Schicksal. Er merkt, dass er um an Gretchen heranzukommen, nicht anders kann, als den Packt mit dem Teufel zu schließen.

Gretchens Stube
Gretchen ist in Faust verliebt. ("Meine Ruh ist hin...")

Marthens Garten
Gretchen stellt die berühmte Gretchenfrage, nämlich ob Faust auch an Gott glaube, was dieser mit Hinweis auf alle Glaubenden relativiert. Er übergibt ihr ein Fläschchen mit Schlaftrunk für die Mutter von Gretchen, damit sie sich auch nachts treffen könnten.

Am Brunnen
Das Volk übt sozialen Druck auf Gretchen aus. Gretchen verzweifelt zunehmend.

Zwinger
Gretchens Verzweiflung steigert sich in einer Mischung aus Hilfeschrei und Gebet.

Nacht, Straße vor Gretchens Türe
Der Soldat Valentin ist der Bruder Gretchens. Er sieht sich dem Gerede und Gespött der Leute ausgesetzt. Sein moralisches Urteil über seine Schwester ist vernichtend und schockiert selbst noch neutrale Dorfbewohner. Faust und Mephisto treffen auf Valentin, es kommt zum Gefecht, das Faust mit Hilfe von Mephisto gewinnt. Valentin stirbt.

Dom
Gretchen versucht zu beten, die Verzweiflung wird total. Zur Einsamkeit des Zwingers kommt die Kälte der Mauern des Domes und erneut der soziale Druck der sie umgebenden betenden Mitmenschen.

Walpurgisnacht
Am Brocken im Harz wohnen Faust und Mephisto einem zügellosen und grenzenlosen Hexentreiben bei.

Walpurgisnachttraum
Intermezzo: Oberons und Titanias goldene Hochzeit

Trüber Tag, Feld
Faust erfährt, dass Gretchen in den Kerker gebracht worden ist.

Nacht, offen Feld
Faust und Mephisto brausen auf schwarzen Pferden vorbei 

Kerker

Mit der Hilfe von Mephisto gelangt Faust in den Kerker, ursprünglich um Gretchen zu befreien. Sie erkennt ihn zunächst nicht mehr und schwankt zwischen Wahnsinn und Wirklichkeit. Alle Überzeugungsversuche von Faust sind wirkungslos. Gretchen redet sich in den Wahn. Sie kann sich nicht entschließen mit Faust zu fliehen.


Handlung des gekürzten Stückes

Auszug aus dem Text der Hörspielfassung....

Aufgrund praktischer Überlegungen, waren wir gezwungen, die Aussage des Stückes in ca. 80 Minuten zu vermitteln. Weniger kann hier wirklich mehr sein, denn dadurch waren wir gezwungen, uns auf die essentiellen Aussagen zu konzentrieren. Was sind aber die essentiellen Aussagen des Stückes und wie schaffen wir den Übergang zwischen den Handlungssträngen, ohne dass das Stück holprig und unnatürlich wirkt ? Welche Inhalte sind vermittelbar, vor dem Hintergrund, dass nur der Audio-Kanal (im Gegensatz zum Schauspiel und zum Film) zur Verfügung steht ?

Betrachtet man das Stück von der Vogelperspektive, zieht sich ein konstruktiver Handlungsstrang, den man als "Werden des Dr. Faust" beschreiben könnte, hin bis zum Höhepunkt. Das ist die glückliche Beziehung zwischen Faust und Gretchen. Ab diesem Punkt verläuft der erste Teil destruktiv zum Kerker hin. Die treibende Kraft des ersten, konstruktiven Handlungsstranges ist das rastlose Streben und Suchen von Faust. Es will sich zuletzt aller Werkzeuge bedienen, die er finden kann, um die Weltformel, den Urgrund allen Seins zu ergründen. Er möchte alles wissen, alles in Frage stellen, alle überbrachten Gesetze und Gebote auf ihre Sinnhaftigkeit hin überprüfen. Für dieses Streben nach Perfektion, nach umfassendem Wissen benötigt er Werkzeuge. Ein erster Ansatz ist der Versuch sich selbst mit einem Gifttrunk am Ostersonntag-Morgen ins Jenseits zu befördern. Der Klang der Osterglocken halten ihn noch davon ab, dafür bietet sich Faust ein zweites, interessanteres Werkzeug an, um seinen Wissensdrang zu befriedigen: Die Bekanntschaft mit dem Teufel lässt ihn vermuten, die Weltformel doch noch zu finden, in einem Art Selbstexperiment. Das kommt der Wette entgegen, die an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit der liebe Gott mit Mephisto eingegangen ist.

Die erste Grundfrage, die im Stück gestellt wird, stellt sich in Form der Wette zwischen dem Teufel und dem lieben Gott. Diese Wette findet sich dann in abgewandelter Form wieder zwischen Faust und Mephisto. Beide Wetten haben den gleichen Kern: Schaffen es die bösen Mächte einen ewig sich bemühenden Menschen von seiner Bahn abzubringen ?! Goethe gibt darauf im zweiten Teil selbst die Antwort: Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen. Der Weltschmerz von Faust, ausgelöst durch die Aussichtslosigkeit, die Weltformel zu finden und seine Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Welt zu Beginn des Stückes, wurden von Goethe sehr ausführlich behandelt (Dialog mit Famulus Wagner, Schülerszene).

Die Grundfrage, ob Faust vom rechten Weg abzubringen ist, beantwortet das Stück durch den Verlauf der Beziehungen zwischen Faust und Mephisto und zwischen Faust und dem Gretchen. In dieser Dreieckskonstellation wird zunächst die oben aufgeworfene Frage deutlich, nämlich ist Gretchen die Antwort auf die Frage nach der Weltformel oder ist sie die Verneinung, die Antithese der Weltformel. Oder ist etwa Mephisto selbst die Antwort auf die faustische Sinnfrage? Selbstverständlich nimmt sowohl Gretchen, als Sinnbild des Lebens, und auch Mephisto als Sinnbild des Todes und des Niederganges für sich in Anspruch, die richtige Antwort zu sein. Faust ist die personifizierte Sinnfrage: Was soll das Leben? Wohin soll das ganze gehen? Gretchen und Mephisto sind die möglichen Antworten. In diesem sich nun entwickelnden Sinnfindungskonflikt im Stück erhoffen wir ein wenig Aufschluss über diese spannende Frage.

Als Hörer des Stückes wird uns schon im ersten Monolog (Habe nun ach,...) klar, welchen Fragenraum Goethe hier zu Beginn aufspannt. Wir erahnen die nun folgende sinnlose Detaillierung des Nichts, die wir gar nicht hören, sehen oder wissen wollen, wir wissen schon was wir nicht wissen, aber wo bleiben die Antworten? Die Antworten interessieren uns, uns interessiert, was Goethe uns als Antwort auf die Sinnfrage geben wird. Es erschien mir deshalb gut, die Behandlung dieses Frageraums, der uns eh schon bekannt ist, den wir eh schon erahnen, nicht zu ausführlich im Stück auszuwalzen. Der Hörer erleidet keine Inhaltskürzung, sondern höchstens eine Inhaltsraffung, er weiß: o.k. Faust verzweifelt, er weiß nicht weiter, der Teufel kann ihm helfen. Die Ausgestaltung des Nicht-weiter-Wissens sieht jeder Hörer sowieso vor seinem persönlichen Erfahrungen.

Insofern liegt es nur zu nahe, in der Hörspielfassung den Verlauf der Handlung gleich auf den Höhepunkt (steiler als in der Textfassung) zulaufen zu lassen: Die Bekanntschaft von Faust mit Mephisto, die wiederum ihren Höhepunkt in der Wette zwischen beiden findet. Die Szenen in Auerbachs Keller und auch in der Hexenküche sollen alle Faust fit machen für das Leben, was wir in dieser Fassung einfach unterstellen, weshalb auch diese Szenen gestrichen wurden. Die Handlung läuft alsbald auf den nächsten Höhepunkt zu: Die Liebesbeziehung zwischen Faust und Gretchen. Versteht man diese Beziehung als Pakt mit dem Guten (Gretchen als Symbol für Leben, Schönheit und Unschuld) bildet dieser einen Kontrapunkt zum vorausgegangenen Pakt mit dem Bösen, der durch Mephisto personifiziert ist. Das ist das Ende des konstruktiven Handlungsstranges.
Die zunächst isolierte Beziehung gerät immer mehr unter den Druck der gesellschaftlichen Konventionen: Die Freundin von Gretchen (Lieschen) wendet sich von ihr ab, die religiösen Werte bereiten ihr Unbehagen und verursachen ein sehr schlechtes Gewissen. Der Bruder von Gretchen wendet sich gegen sie. Das Schlimmste: Ihr uneheliches Kind muss sie (soweit die Aussage der Szene im Kerker) ertränken. Ihr Geliebter wendet sich in diesen schweren Stunden von ihr ab und vergnügt sich mit Mephisto in der Walpurgisnacht. Unter diesem Druck wird Gretchen im Kerker wahnsinnig, Faust kann die Ereignisse letztlich durch nichts abwenden, letztlich werden drei Menschen ermordet: Valentin, das Kind von Gretchen und Gretchen selbst.

Der Erste Teil lässt den Ausgang der Wetten offen. Wir wissen nicht, ob Faust wirklich kapitulierte und zum Augenblick sagte, verweile noch, du bist so schön. Mit der Beziehung zu Gretchen hat Mephisto Faust diese Aussage noch nicht entlocken. Im zweiten Teil muss Mephisto noch eine Schaufel drauflegen: Er lässt sogar Helena aus der Welt der Mythen anrücken. Die Antwort, wie die Wetten des ersten Teiles ausgingen, finden sich im 5. Akt des zweiten Teils: Es scheint fast, als hätte Mephisto die Seele von Faust gewonnen, aber die Lemuren und er suchen vergeblich. Faust entschwindet in den Himmel. Einer seiner letzten Aussagen war: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen".

Diese Hörspielfassung umfasst den ersten Teil der Tragödie, die mit den bekannten Rufen "Heinrich, Heinrich" endet.


Klassifikation und Stilmittel

(Zusammenfassung nach Kindler)


Verse:     aabbcc
              abbcc
              ababcc
              abb

Exot:      Wald und Höhle, die Prosastruktur zeigt die Zerrissenheit und Diskontinuität der Handlungen von Faust.

Wenn die Dramatik und die Aussagendichte steigen, verkürzt sich das Versmaß


 

Interpretationen

Mögliche Interpretationen

Gegen den Glauben an das Gute im Menschen setzt Mephisto sein verneinendes und auf Vernichtung hin gerichtetes Menschenbild. Faust kann sowohl als Vertreter aller Menschen als auch als irrendes Individuum gesehen werden. Der zunächst von der Vernunft überzeugte Mensch und Bürger Faust erkennt bald, wie wenig er eigentlich weiß und wie wenig er eigentlich vermag. In dem Vergleich zwischen "Wort", "Tat", "Sinn" und Kraft sucht er verzweifelt nach der Weltformel, mit der sich alle Ursache-Wirkungszusammenhänge auflösen lassen. Er verzweifelt. Kurz bevor er sich selbst das Leben durch Vergiftung nehmen will, hört er Engelsgesang und wird mit seinem letzten Stück Glauben in ihm doch davon abgehalten, den braunen Saft auszutrinken. Später wird diese Handlung gleichwohl relativiert, da Mephisto zu erkennen gibt, dass er wusste, dass Faust sich das Leben nehmen wollte und es doch nicht getan hat, was andeutet, dass er, Mephisto durch sein Wirken ihn davon abgehalten haben könnte. Faust berappelt sich noch einmal. Den vernunftgedröhnten Famulus Wagner, versucht er verzweifelt von der Relativität der scholastischen Ideale zu überzeugen, was dieser aber nicht begreift.
 

Zusammengefasste Interpretation Kindler Literaturlexikon

Faust ist zur Verwirklichung des göttlichen Weltgedanken mit aufgerufen. Er ist einer in allen seinen Bereichen nach Ganzheit Strebender, der die Polarität von ich und Welt zur Einheit zu verbinden sucht. Mephisto ist der Widersacher Gottes, der Geist der Verneinung, notwendiger Widerpart des Menschen, dessen Erkenntniswillen er durch Illusionen irrezuleiten wünscht. Trotz seiner übermenschlichen Macht, zeigt sich diese doch begrenzt (Gretchen-Szene, Helena-Akt) Am Ende ist Faust nicht der Titan jenseits von Gut und Böse, sondern er leidet unter seinen eigenen Verfehlungen. Das Problem von Schuld und Sühne wird nicht ignoriert. Es wird im Spannungsverhältnis zwischen Verdienst und Glück, im überschreiten immer neuer Bewusstseinsgrenzen, hin zu einer Vereinigung mit dem Ganzen des Daseins, gegen den Widerstand der nihilistischen Kräfte neu definiert.