Beim Bau der chinesischen Mauer
Beim
Bau der chinesischen Mauer als MP3....
Inhalt:
Der Erzähler berichtet über den Bau der Chinesischen Mauer. Dabei wurde das System
des Teilbaues gewählt. Der Erzähler vermutet, dass dieses riesige Bauwerk in Teilbauabschnitten
angegangen worden ist, da man die Arbeiter mit Teilbauabschnitten besser bei Laune
halten könne, man könne die Arbeiter auch besser von einem Ort des Teilbaues an
einen anderen Ort versetzen. Wie soll aber eine Mauer schützen, die nicht durchgehend
ist, so frägt sich der Erzähler ? Er betont die Einigungswirkung, die der Mauerbau
auf die Völker Chinas gehabt habe und lobt diese Leistung. Er philosophiert darüber,
dass der Zweck und Hintergrund des Mauerbaues nicht ganz klar sei: ihn irritiert
das System Teilbau, das letztlich keine Mauer ergebe. Zusätzlich bemerkt
er, dass die Nordvölker gar keine Gefahr für China darstellten, an dem Bauwerk aber
trotzdem festgehalten werden. Der Autor schließt mit der begründeten Vermutung,
dass es sich bei dem Mauerbau nur um eine taktische Maßnahme handelt, die einen
ganz anderen Zweck verfolgt, als eine Mauer zu erstellen: die daran beteiligten
Arbeiter sollen auf ein sie in eine große Volksgemeinschaft integrierendes Ziel
hin ausgerichtet werden. Der Erzähler rät in seinem Schlusswort dazu, nicht weiter
über die Frage der Sinnhaftigkeit des Mauerbaues nachzudenken.
Interpretation:
Die chinesische Mauer gehört zu Kafkas optimistischeren Erzählungen. Bei den Romanen
und anderen Erzählungen steht ein tragisches Einzelschicksal im Vordergrund, das
scheitert. "Beim Bau der chinesischen Mauer" steht erstmals eine ganze Volksgemeinschaft
im Mittelpunkt des Geschehens. Ein kafkaisches Kernelement, das hier aber wieder
deutlich hervortritt, ist die vermeintliche Sinnlosigkeit, mit der diese Unternehmung
durchgeführt wird. Eine Sinnlosigkeit, die nicht offen ausgesprochen, aber angesprochen
wird und die von der Vogelperspektive des Erzählers immer wieder unterstellt wird,
die in einem virtulellen Dialog mit den Vielen, die an der Mauer arbeiten auch immer
wieder thematisiert wird. Der Erzähler würdigt auf der einen Seite die gigantische
Leistung und das phänomenale Werk, das mit der Chinesischen Mauer geschaffen worden
ist, auf der anderen Seite versucht er hinter die Fassade zu schauen, versucht er
hinter den Zweck und den Sinn des Mauerbaus zu schauen und muss bald erkennen, dass
der ursprünglich beabsichtigte Zweck, sich nämlich gegen die Nordvölker zu schützen,
nur ein Vorwand für ganz andere Überlegungen der Herrscher sei. Aus der Perspektive
eines vom Mauerbau betroffenen Arbeiters diskutiert er verschiedene mögliche Absichten
für den Mauerbau durch. Kafka plädiert dafür, sich nicht allzu viele Gedanken über
Sinn und Unsinn des Mauerbaues zu machen, sondern ruhig auf die Vorgaben der Herrscher
zu reagieren: "Es wird dir geschehen, wie dem Fluss im Frühjahr. Er steigt, wird
mächtiger, nährt kräftiger das Land an seinen langen Ufern, behält sein eigenes
Wesen weiter ins Meer hinein und wird dem Meere ebenbürtiger und willkommener. –
So weit denke den Anordnungen der Führerschaft nach. Dann aber übersteigt der Fluss
seine Ufer, verliert Umrisse und Gestalt, verlangsamt seinen Abwärtslauf, versucht
gegen seine Bestimmung, kleine Meere im Binnenland zu bilden, schädigt die Fluren
und kann sich doch für die Dauer in dieser Ausbreitung nicht halten, sondern rinnt
wieder in seine Ufer zusammen, ja trocknet sogar in den folgenden heißen Jahreszeit
kläglich aus. – So weit denke den Anordnungen der Führerschaft nicht nach."
Die Interpretation nach Kindler:
Die Mauer wird zum Symbol der Vergeblichkeit aller menschlicher Bemühungen. Kernfrage
des ganzen Projektes ist die Errichtung des Gesamtbaues aus unzähligen kleinen Elementen.
Das Kaisertum steht bei Kafka in einer letzten Ungewissheit. Es gehört zu den allerundeutlichsten
Einrichtungen.